
Die
Deutsche Evangelische Oberschule – kurz DEO genannt – beging bereits
1998 ihr 125-jähriges Jubiläum und kann somit auf eine lange und
bewegende Schulgeschichte zurückblicken.
Schaut man auf die Ursprünge, könnte man sagen: Alles begann mit
Napoleon. Am 30. Juni 1798 sichtete der französische General zusammen
mit seinem 17.000 Mann starken Heer die ägyptische Küste. Da es nicht
nur um den Kampf gegen England, sondern auch um die Erforschung des
Orients und die Vermittlung der französischen Kultur ging, reisten viele
Wissenschaftler und Gelehrte sowie Verwaltungsbeamte mit. Damit begann
ein Zustrom von europäischen Handwerkern und Beamten nach Ägypten.
Darunter befanden sich auch viele Deutsche, die 1864 in Kairo die erste
deutsch-schweizerische evangelische Gemeinde ins Leben riefen. Von
Anfang an hatte man das Vorhaben eine deutsche Schule zu gründen, aber
erst neun Jahre später ließ es sich in die Tat umsetzen. Ostern 1873
begann der Schulbetrieb mit 15 Schülern, die zunächst auf Französisch
von Pfarrer Trautvetter unterrichtet wurden. Kirche und Schulgebäude
befanden sich in der Sharia El-Maghrabi (heutige Sharia Adly) im
Stadtzentrum unweit des Midan Mustafa Kamel.
1903 kam Dr. Paul Kahle als Pfarrer und Schulleiter nach Kairo. Unter
ihm wurde die Schule so umstrukturiert, daß eine Klasse pro Alterstufe
entstand. Damit war jedoch die Kapazität der Schule erschöpft und man
beschloß 1907 den Verkauf des Schul- und Kirchengrundstückes im Zentrum
von Kairo. Ein Jahr später zog man in den Schulneubau im Stadtteil
Boulaq ein. Dadurch wurden Platz und Möglichkeiten geschaffen, die DEO
in eine koedukative Grund- und Realschule umzuwandeln. Mit diesem
Schritt war man der damaligen Entwicklung in Deutschland voraus, wo es
den koedukative Unterricht zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur in
Landerziehungsheimen gab.
Ein großer Einschnitt in die Schulgeschichte stellte der Ausbruch des
Ersten Weltkriegs und die damit verbundene Schließung der Schule dar.
1923 wurde deutschen Staatsbürgern wieder die freie Einreise gewährt,
aber erst zwei Jahre später wurde die „Deutsche Evangelische Gemeinde“
mit 25 Mitgliedern erneut gegründet. 1930 öffnete die DEO ihre Pforten
abermals. Doch schon kurze Zeit später mußte die Schule als Folge des
Kriegsausbruchs 1939 erneut schließen. Erst 1953 kam es zur Neugründung
der Deutschen Evangelischen Oberschule, in der 18 Schülerinnen und
Schüler in einem Gebäude zunächst in der Sharia Sahafa und später in
Zamalek in der Sharia Dr. Mahmoud Azmi unterrichtet wurden. Das alte
Schulgebäude befand sich zur damaligen Zeit noch im Besitz des
ägyptischen Staates und der Bau eines größeren Schulkomplexes war in
Planung. Neben einigen Veränderungen im ägyptischen Bildungssystem – so
mußte beispielsweise ein Gebetsraum in der Schule eingerichtet werden –
prägten die beiden ägyptisch-israelischen Kriege 1967 und 1973 die
Schulgeschichte der folgenden Jahre.
Am 12. Februar 1977 überreichte Bundesaußenminister Hans-Dietrich
Genscher die Schlüssel für das neue Gebäude in Dokki in der
El-Dokki-Straße, wo sich die DEO noch heute befindet. Seither besuchten
viele deutsche Politiker und Schriftsteller die Schule, in der
gegenwärtig über 1.200 Schüler verschiedener Nationalitäten und
Konfessionen von über 100 Lehrern unterrichtet werden. Die Gesamtschule
umfaßt heute einen Kindergarten, eine Vor- und Grundschule sowie die
Sekundarstufen I und II und führt zur deutschen und ägyptischen
Hochschulreife. Die DEO ist aber nicht nur ein Platz zum Lernen, sondern
auch ein wichtiges kulturelles Zentrum der Begegnung der deutschen
Gemeinde in Kairo geworden.